Juli 25

Folge #009 – Vorwärts-Abwärts reiten!

Ein Artikel von Verena Jennewein – Autor der Calm Horse Academy und Pferdeexpertin

Hier kannst du die Folge direkt anhören oder herunterladen


Herzlich willkommen zur neunten Folge meines Podcasts „Reiten in Vollendung - deinem Pferd zuliebe“. Ich bin Verena Jennewein, zertifizierte „Ride With Your Mind Trainerin“, Level 1, Master Class.

Heute geht es um das Thema: Vorwärts-Abwärts reiten!

Sollte ich Vorwärts-Abwärts reiten?

Von mir bekommt Ihr zu dieser Frage ein klares JA. Allerdings nur, wenn man verstanden hat, warum Vorwärts-Abwärts geritten wird und man weiß, wie dieses dann auch “richtig” und pferdegerecht umgesetzt werden kann!

Wie sollte ein richtig gerittenes Vorwärts-Abwärts ausschauen?

Aktive Hinterhand: Wenn ein Pferd nicht gelernt hat, seine Hinterhand zum Tragen und Schieben zu benützen und dadurch seinen Reiter zu tragen, wird ein Vorwärts-Abwärts immer schief laufen und mit einer Überbelastung der Vordergliedmaßen enden. Ich muss also zuerst meinem Pferd beibringen, seine Hinterhand aktiv zu verwenden.

Aufgewölbter Rücken: Durch die soeben genannte aktive Hinterhand, fußt das Pferd unter seinen Schwerpunkt und senkt dadurch seine Kruppe ab. Es entsteht die sogenannte Hankenbeugung! Durch die Hankenbeugung ist das Pferd ganz “natürlich” imstande, seinen Rücken aufzuwölben.

Kurz zur Anatomie: Wir sprechen hier von dem  Nackenband (Ligamentum nuchae) und dem Rückenband (Ligamentum supraspinale). Diese Bänder sind miteinander verbunden. Senkt sich die Hinterhand oder der Pferdehals, wird dieses lange Band gedehnt, die Wirbeldornfortsätze werden aufgefächert und der darunter liegende lange Rückenmuskel (Longissimus dorsi) kann sich frei bewegen. 

Offene Ganasche: Durch die aktive Hinterhand und den dadurch gewölbten Rücken gibt mein Pferd in seinem Genick nach und beginnt sich im Hals fallen zu lassen. Durch ein langsames “Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen” wird der Hals verlängert und mein Pferd kann sich mehr dehnen! Dabei bleibt die Pferdenase an oder leicht vor der Senkrechten, niemals darf sie hinter die Senkrechte kommen, ansonsten fällt dir dein Pferd, vermehrt mit seinem Gewicht, auf die Vorhand. Was wiederum die Folge hat, dass die Vordergliedmaßen überlastet werden und ein solches Vorwärts-Abwärts dem Pferd Schaden zufügt. 

Vorwärts Abwärts Reiten

Buggelenk: Genauso muss ich auf die Anatomie und das jeweilige Talent von jedem einzelnen Pferd Rücksicht nehmen. So schaffen es manche Pferde, sich etwas tiefer zu dehnen, ohne auf die Vorhand zu fallen und manche Pferde können nur den Ansatz einer Dehnung ausführen, ohne ihr Gleichgewicht zu verlieren. Hierzu kann man sich das Buggelenk als Anhaltspunkt hernehmen, dh. ich lasse die Pferdenase bis maximal auf Höhe des Buggelenks. Wenn mein Pferd seine Balance bereits vor diesem Punkt verliert, endet das Vorwärts-Abwärts bereits vor dem Buggelenk. Ist mein Pferd auf Höhe des Buggelenks aber noch wunderbar in Balance, kann ich testen, ob es in der Lage ist, sich auch etwas tiefer fallen zu lassen.

Takt: Wenn ich Vorwärts-Abwärts reite, darf sich der Takt, die Spur und die Balance von meinem Pferd nicht verändern! Passiert dies doch, muss ich mich auf Fehlersuche begeben! 

Warum reiten wir Vorwärts-Abwärts?

Überprüfung meiner Arbeit: Ich kann mit dem Vorwärts-Abwärts meine Arbeit überprüfen! Niemals benütze ich das Vorwärts-Abwärts als Mittel zum Zweck, oder erzwinge es mechanisch über verschiedenste Ausbindezügel.  Ein Vorwärts-Abwärts ergibt sich aus dem richtigen Training heraus. Als Allererstes muss ich die Schiefe meines Pferdes erkennen und diese beginnen geradezurichten. Ich muss die Hinterhand aktivieren, steife Pferde geschmeidig machen und instabile Pferde stabilisieren. Durch all diese vorangegangenen Korrekturen ergibt sich die Bereitschaft, sich dehnen zu wollen von ganz alleine. 

Zum Lösen: Beim Vorwärt-Abwärts wölbt das Pferd seinen Rücken, die Wirbeldornfortsätze gehen weiter auseinander, die Beweglichkeit der Wirbelsäule wird erhöht und das Pferd wird dadurch besser gelöst. Genauso wie wenn wir selbst Dehnungs- oder Mobilisationsübungen ausführen, im Anschluss fühlen wir uns besser und bekommen ein besseres Körperbewusstsein. 

Wie sollte Vorwärts-Abwärts nicht geritten werden?

Die Dauer: Wenn man sein Pferd nur im Vorwärts-Abwärts reitet, hat man leider noch nicht verstanden, für was das Vorwärts-Abwärts eigentlich gut ist. Mehr als ein paar Minuten in dieser Haltung zu reiten, hat nichts mit einem guten Training zu tun. Im Gegenteil, die Vorhand wird überlastet und ich schade auf Dauer meinem Pferd damit, anstatt im zu helfen. 

Zügelhilfen: Niemals darf ein Vorwärts-Abwärts über ein Riegeln oder sonstige Zügeleinwirkungen mechanisch hergestellt werden. Eine solche Einwirkung bedeutet immer, dass ich mein Pferd von vorne nach hinten reite, anstatt von hinten nach vorne. Pferde, die so geritten werden, sind leider immer verspannt, gerne hinter den Hilfen und sehr häufig deutlich auf der Vorhand, anstatt in Balance. Wenn sich ein Pferd nicht freiwillig in die Dehnungshaltung begibt, ist es noch nicht genügend gelöst und benötigt noch etwas Gymnastik und Zeit. 

Zügelführung: Viele Reite lassen die Zügel beim Einleiten vom Vorwärts-Abwärts zu schnell durch ihre Finger gleiten. Andere strecken regelrecht ihre Arme ruckartig noch vorne oder schmeißen den Zügel weg. All dies hat aber zur Folge, dass Dein Pferd auseinanderfallen wird. Wir reiten mit einem feinen Zügelkontakt. Lass ich diesen Kontakt plötzlich fallen, hat ein Pferd, das erst seine Balance finden muss das Gefühl, komplett auseinander zu fallen. 

Balance: Bevor ich ein Vorwärts-Abwärts überhaupt einleite, muss ich sichergestellt haben, dass mein Pferd von hinten nach vorne über seinen Rücken läuft und ausbalanciert ist. Hab ich dies nicht, wird mein Pferd immer auf die Vorhand fallen und seine Beine überbelasten.

Position: Achtet bitte immer auf die Balance von Eurem Pferd. Diese muss jeder Zeit erhalten bleiben und darf niemals durch ein zu tiefes Einstellen verloren gehen. “Je tiefer desto besser” gilt hier also nicht! Genauso wenig darf die Pferdenase hinter die Senkrechte kommen. Wir wollen den Rücken aufwölben und nicht überdehnen! 

Verena Jennewein

Wie reite ich Vorwärts-Abwärts richtig?

Im Balancesitz: Stell dir ein Karussellpferd mit seiner Karussellstange vor! Diese Stange bleibt in jeder Lebenslage gerade! Sei du wie diese Karussellstange. Sprich, wir sitzen gerade am Pferd und lehnen uns nicht vor oder zurück. Damit stellen wir sicher, dass wir unserem Pferd nicht unbeabsichtigt auf die Vorhand fallen und diese zusätzlich belasten. Genauso sind wir in dieser Position für unser Pferd am leichtesten und am angenehmsten zu tragen. 

Oberschenkelmuskulatur: In der “Ride With Your Mind” Methode verwenden wir auch unsere Oberschenkelmuskulatur. Eine genaue Beschreibung habe ich Euch dazu im Blog, “Richtig Leichttraben”, geschrieben. Durch diese Muskulatur bin ich leicht für mein Pferd, bin in der Lage, den Takt vorzugeben und dadurch den Rhythmus zu behalten. Ich kann sogar meinem Pferd helfen, seine Vorhand besser anzuheben. All dies kann ich im Leichttraben und im Aussitzen erreichen. 

Mein Tipp: Wenn ich an der Tragkraft von meinem Pferd gearbeitet habe und diese schon sehr viel Kraft und Energie in Anspruch genommen hat, ist eine Pause im Stehen oder im Schritt am hingegebenen Zügel oftmals die bessere Wahl. Hier kann sich Dein Pferd auch strecken und dehnen und muss nicht zusätzlich Energie aufbringen, um fleißig vorwärtszugehen und seine Balance zu halten. Reite Dein Pferd Vorwärts-Abwärts, wenn es genug Energie und Kraft zur Verfügung hat, um diese Aufgabe mit Freude zu meistern. 

Vorwärts-Abwärts

Dehnungshaltung Pferd

Ich hoffe Ihr konntet einige Tipps mitnehmen und ich wünsch euch viel Spaß beim Ausprobieren!

Bis zur nächsten Folge, Eure Verena! 


Tags

Pferd, Podcast, Reitersitz, Wanless Methode


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