Folge #005 – Der Balancesitz - Calm Horse Academy

Folge #005 – Der Balancesitz

Ein Artikel von Verena Jennewein – Autor der Calm Horse Academy und Pferdeexpertin

Hier kannst du die Folge direkt anhören oder herunterladen


Herzlich willkommen zur fünften Folge meines Podcasts „Reiten in Vollendung - deinem Pferd zuliebe“. Ich bin Verena Jennewein, zertifizierte „Ride With Your Mind Trainerin“, Level 1, Master Class.

Heute geht es um das Thema: Der Balancesitz

In der “Ride With Your Mind” Methode wird der Balancesitz geschult. Er ist die Basis für gutes Reiten und verhilft uns Reitern zu einem besseren Körpergefühl. Die “Wanless Methode” ist keine neue Reitlehre oder Reitart, vielmehr verbindet die “Ride With Your Mind” Methode die Reittheorie mit der Reitpraxis. Jeder Reiter, egal auf welchem Ausbildungsniveau oder welcher Reitweise, kann von dieser Methode viel lernen.

Zu dem heutigen Thema möchte ich Euch ein Zitat von Wilhelm Müseler zeigen.

Wilhelm Müseler


„Reiten kann zur Kunst werden. Jeder hält sich gern für einen Künstler. Berufen ist aber nur, wer nicht mit Gewalt, sondern nur aus dem Gefühl heraus einen Zusammenhang zwischen Pferd und sich selbst herstellt. Gefühl ist keine schwarze Magie. Bis zu einem sehr erheblichen Grade kann sich jeder Gefühl aneignen.

Vollendete Harmonie zwischen Reiter und Pferd ist das Endziel. man muss dem Pferd ansehen, dass es sich wohl fühlt und darf dem Reiter nicht ansehen, wie schwer der Weg ist.“

Dieses Zitat passt perfekt zu unserer Methode, wir wollen, dass unser Pferd brilliert, dass unser Pferd mit viel Freude an der Arbeit dabei ist und sein Können mit viel Stolz präsentiert. Um dies zu erreichen benötigt es aber einen gefühlvollen Reiter, der seinen Körper ganz bewusst fein einsetzen kann. Dieses Ziel kann nicht von heute auf morgen erlangt werden, es benötigt genauso wie in jeder anderen Sportart “Zeit”.

Niemand könnte ohne Training von heute auf morgen einen Marathon mitlaufen, einen Spagat hinlegen oder bei einer Gewichthebermeisterschaft teilnehmen. Bei jeder Sportart benötigt es Training, Konsequenz und Zeit. Beim Reiten funktioniert das nicht anders. Reiten ist Sport! Bitte verwechselt Reiten nicht mit Kraftsport, so meine ich das nicht, sondern vielmehr wie Yoga oder Tanzen. Wir benötigen für das Reiten einen guten Muskeltonus, Geschmeidigkeit, Taktgefühl und Ausdauer.

Genauso unser Geist wird gefordert, wir müssen unser Wissen erweitern, denn nur, wenn ich verstehe, wieso mein Pferd gewisse Aufgaben nicht sofort lösen kann, bin ich imstande, über die geeignete Gymnastizierung meinem Pferd zu helfen, diese Aufgabe step by step zu lösen. Somit entsteht überhaupt keine Gewalt oder unnötiger Druck.

Ein Pferd macht nichts aus Böswilligkeit oder weil es keine Lust dazu hat, sondern vielmehr versteht es eine Aufgabe nicht oder möchte sie umsetzen, ist aber körperlich nicht in der Lage dazu. Oft kann ein Pferd auch eine Aufgabe nicht wie gewünscht erfüllen, weil der Reiter das Pferd in seiner Bewegung behindert. Genau deshalb ist unser Reitersitz so unheimlich wichtig. Wir wollen mit unserem Pferd tanzend über den Reitplatz schweben oder ein unerschrockenes Team im Gelände sein, dazu benötigen wir aber immer unseren Balancesitz.

Wie sieht der Balancesitz aus?

Der Reitersitz

Deswegen spreche ich immer von der Ohr-Schulter-Hüfte-Absatz-Linie, wenn es um den Balancesitz geht.

Mach dich leicht, statt schwer!

Setz dich tief ins Pferd, mach dich schwer….. diese Aussagen werdet Ihr bei der “Ride With Your Mind” Methode niemals zu hören bekommen. Wir möchten unser Pferd im Rücken nicht behindern, sondern vielmehr wollen wir unserem Pferd die Möglichkeit bieten, seinen Rücken ungestört aufwölben zu können. Ich habe schon viele Pferde in meinem Leben geritten und noch kein einziges Pferd reagierte wirklich positiv auf das “Schwer-machen” im Sattel, vielmehr lernen wir unserem Pferd, was wir mit dem “Schwer-machen” von ihm

Der Balancesitz

wollen und ohne effizientes Training wären unsere Pferde nicht in der Lage, dabei ihre Rücken oben zu behalten. Nein, jedes Pferd reagiert beim “Schwer-machen” instinktiv damit, dass es seinen Rücken durchdrückt. Das Gewicht des Reiters löst beim Pferd Unbehagen aus. 

Umgekehrt, wenn ich mich leicht mache und mein Pferd in die niedrigere Gangart oder zum Halten hineinhebe, habe ich immer nur positive Reaktionen bekommen. Kein einziges Pferd drückte mir jemals mit dieser Methode seinen Rücken weg, im Gegenteil, sie senken besser ihre Hanken und wölben ihren Rücken, anstatt ihn wegzudrücken. 

Sitze ruhig am Pferd!

Wische den Sattel aus, treibe dein Pferd an durch vermehrtes Schieben im Becken ……

Nicht nach der “Wanless Methode”! 

Ja, wenn ich mein Pferd im Becken anschiebe, wird es schneller, aber ich habe noch nie erlebt, dass Pferde dabei ihren Rücken nicht wegdrücken. Diese Variante ist unheimlich störend für die Pferde, weil es Unbehagen auslöst und sie dabei auch gerne ihre Balance verlieren. 

Wir schulen zentriertes Reiten. Das heisst, wir wollen unser Pferd durch große Bewegungen nicht stören, vielmehr bewegen wir uns nur soviel wie notwendig. Dafür braucht man seine Sitzbeine und das Wissen, wie man sie richtig einsetzt. 

Aufrecht sitzen oder zurücklehnen?

Wie oft sieht man Reiter, die sich hinter der Senkrechten befinden? Viel zu oft!!!

Wenn ich mich beim Reiten zurücklehne, blockiere ich mir mein Becken, meine Gelenke und verursache mir selbst Rückenprobleme. Nicht nur, dass es für den Reiter nicht gesund ist, löst es auch beim Pferd Verspannungen aus. Der Reiter drückt seinem Pferd mit seinem Reitergewicht vermehrt auf den empfindlichen Lendenbereich und verursacht damit Verspannungen, Schmerzen, Rückenprobleme bis hin zu Taktstörungen. Beim Balancesitz sitze ich ausbalanciert wie eine Karussell-Stange auf dem Karussell-Pferd zentriert und dadurch biete ich dem Pferd die bestmöglichste Bewegungsfreiheit, ohne es unnötig zu stören.

Reiter in Balance

Der Balancesitz nach der “Wanless Methode”

Die Ohr-Schulter-Hüfte-Absatz- Linie spielt eine übergeordnete Rolle, dabei gibt es sehr viele andere Dinge, auf die man sich konzentrieren muss, damit diese Linie funktionieren kann. 

Sitzbeine: Dazu gehört das Erfühlen unserer Sitzbeine, damit wir diese richtig Einsetzen können. Wenn wir einen geraden Rücken haben, weisen unsere  Sitzbeine wie gewünscht gerade nach unten. Bei einem Hohlkreuz weisen sie nach hinten und bei einem Rundrücken nach vorne. Ich kann also alleine schon über die Sitzbeine feststellen, ob mein Lendenbereich in einer neutralen Position ist.

“Bear Down” - “Powerhouse” - “Körpermitte”

Wenn Mary Wanless vom “Bear Down” redet, meint sie unsere positive Körperspannung unserer Körpermitte. Eine stabile Körpermitte ist das A und O für einen ausbalancierten Reitersitz. Ohne unser “Powerhouse” sind wir nicht stabil und können niemals feine Hilfen geben. 

Aufrichtung: Mit der Aufrichtung meine ich einen geraden Rücken in seiner natürlichen doppelten S-Form. Das heißt kein Hohlkreuz, kein Rundrücken, keine gerundeten Schultern, keine hochgezogenen oder zu weit zurückgenommen Schultern uvm. Nur ein stabiler Rumpf ohne Verspannungen ist in der Lage, feine Hilfen durchzulassen. 

Oberschenkel: Nach der “Ride With Your Mind” Methode wird die Oberschenkelmuskulatur bewusst dazu eingesetzt, das Reitergewicht auf den Rücken und Rumpf vom Pferd zu verteilen. Wir wollen leichter für unseren Partner Pferd sein und gleichzeitig kann ich der Schiefe vom Pferd besser gegenwirken. Ich kann die Oberschenkelmuskulatur gezielt für Übergänge, beim Halten, beim Rückwärtsrichten oder für die Versammlung positiv einsetzen. Dabei wird mein Knie niemals klemmen, denn eine positiv eingesetzte Oberschenkelmuskulatur verhindert genau diesen Sitzfehler.

Ruhiger Schenkel: Ein stabiler, ruhiger und mitatmender Reiterschenkel muss erlernt werden. Es benötigt einen guten Grundtonus, damit der Unterschenkel in Position bleiben kann, genauso brauchen wir diesen für einen korrekt eingesetzten Treibimpuls. Die Steigbügellänge spielt hierbei einen entscheidenden Part. Zu lange oder zu kurze Bügel können meinen Balancesitz behindern. Wenn meine Oberschenkel und Unterschenkel in einem ca. 45 Grad Winkel zueinander stehen, habe ich die besten Voraussetzungen für einen funktionierenden Balancesitz gelegt. 

Ein kleiner Tipp am Schluss: Stellt euch vor, Ihr seid die Karussell-Stange vom Karussell-Pferd. Immer in der Lage, mit der Bewegung des Pferdes ausbalanciert mitzugehen!

Ich hoffe, Ihr konntet einiges aus diesem Podcast mitnehmen und ich freue mich schon aufs nächste Mal. 

Bis zur nächsten Folge, Eure Verena!

About the Author

Hey ich bin Verena Jennewein. Pferde sind schon seit meiner Kindheit meine absolute Leidenschaft. Sie sind kraftvoll, elegant, sensibel, intelligent und stolz. Wenn man von dieser Leidenschaft erfasst wurde, lässt sie einen nicht mehr los. Wir müssen diesen wundervollen Tieren mit Respekt begegnen und eine Partnerschaft mit ihnen anstreben. Das Wohl des Pferdes liegt mir sehr am Herzen und für mich ist ein guter Reitersitz die Voraussetzung für gutes Reiten. Als zertifizierte “Ride With Your Mind” Trainerin, Level 1 Masterclass, ist es mein Ziel, so vielen Reitern wie möglich zu helfen, besser reiten zu lernen. Julia und David von der Calm Horse Academy helfen mir dabei, mein Wissen Online zu verbreiten.

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