Folge #004 – Die Angst als ständiger Begleiter? - Calm Horse Academy

Folge #004 – Die Angst als ständiger Begleiter?

Ein Artikel von Verena Jennewein – Autor der Calm Horse Academy und Pferdeexpertin

Hier kannst du die Folge direkt anhören oder herunterladen


Herzlich willkommen zur vierten Folge von meinem Podcast „Reiten in Vollendung - deinem Pferd zuliebe“. Ich bin Verena Jennewein, zertifizierte „Ride With Your Mind Trainerin“, Level 1, Master Class.

Heute geht es um das Thema: Faktoren, die meinen Reitersitz beeinflussen


Teil 2: Die Angst als ständiger Begleiter?

In meinem Unterricht erlebe ich häufig Reiter, die sich unwohl fühlen oder sogar Angst beim Reiten verspüren. Aber woher kommen diese Ängste und wie kann man diese verbessern oder beheben? Nach meiner Erfahrung kann ich die Reiter in drei Gruppen aufteilen.

  • vorsichtige Menschen
  • schlechte Erfahrungen mit Pferden
  • das Alter

Vorsichtige Menschen

Ich erlebe nicht selten Reiter, die sehr vorsichtig im Umgang mit ihrem Pferd sind, egal, ob dies beim Reiten oder bei der Bodenarbeit ist. Sie versuchen möglichen Gefahren auszustellen oder diesen erst gar nicht zu begegnen. 

Wie erkenne ich vorsichtige Menschen?

Tempo: Vorsichtige Reiter vermeiden sehr häufig aktives, fleißiges Reiten. Sie versuchen meistens ihre Pferde “untertourig” zu bewegen. Der Grund dafür kann sein, dass sie Angst davor haben, dass sich ihr Pferd verletzt oder dieses evt. nicht mehr unter Kontrolle haben und sich dadurch selbst verletzen könnten. Pferde, die ständig “untertourig” geritten werden, laufen in 99 % auf der Vorhand. Das hat zur Folge, dass die Gelenke der Pferde zuviel in Anspruch genommen werden, weil sie nicht elastisch federn können. Im schlechtesten Fall kann das zu Krankheiten wie Spat, Arthrose, Sehnenschäden etc. führen. 

Achtung: Man darf bitte ein “untertourig” gerittenes Pferd nicht mit einem versammelt gerittenen Pferd verwechseln!

Sitzhaltung: In den meisten Fällen schließen die vorsichtigen Reiter ihren Hüftwinkel und lehnen sich nach vorne. Sie verkürzen die Zügel, um das Gefühl der Sicherheit und Kontrolle zu bekommen. Durch ihre Ängste klemmen diese Reiter auch häufig mit ihren Beinen. Dies wirkt sich immer auf das Pferd aus. Ein ruhiges, gelassenes Pferd wird eher mit Blockaden oder mit wenig Vorwärts-Tendenz reagieren, aber ein ängstliches Pferd kann darauf mit übereiltem Tempo oder sogar mit Flucht reagieren. 

Die Arbeit mit dem Pferd: Vorsichtige Reiter verlassen ihre Wohlfühlzone nur sehr ungern. In vielen Fällen reicht diesen Reitern bereits der Reitplatz völlig aus und in manchen Fällen wird sogar nur auf einer Reitplatzhälfte mit dem Pferd gearbeitet, weil auf der anderen Seite das Pferd “Gespenster” sieht. Als Reitlehrer werde ich nie meine Schüler in das kalte Wasser werfen, sondern ich unterstütze sie, sodass sie Stück für Stück ihre Komfortzone erweitern. Wenn es nötig ist, nehme ich meine Reitschüler wieder an die Longe, führe die Reiter/innen oder lasse sie als Passagier am Pferd sitzen, während ich mit ihrem Pferd an der Hand arbeite. Ich kann das Pferd auch zu Beginn an den Führstrick nehmen und sie später zu Fuß oder mit dem Rad ins Gelände begleiten. Ich muss für sie der “Fels in der Brandung” sein, dh. ich muss Ruhe, Gelassenheit und Erfahrung ausstrahlen.

Deutliche Anzeichen:

  • kurze Zügel
  • Vorlage im Oberkörper
  • klemmende Beine
  • falsche Atmung - Brustkorbatmung
  • verspannte Körperhaltung
  • häufig - übereilte Pferde
  • kein harmonisches Gesamtbild

Schlechte Erfahrungen mit Pferden

Pferde sind Fluchttiere und es liegt in ihrem Naturell zu flüchten, wenn Gefahr droht. Wir arbeiten also mit einem Fluchttier und dessen müssen wir uns immer bewusst sein. Ich kann einem Pferd durch Training mehr Gelassenheit beibringen, aber die Chance, dass es erschrickt und einen Sprung zur Seite macht oder sogar die Flucht ergreift, besteht immer. 

Schlechte Erfahrungen mit Pferden

Vorsicht ist besser als Nachsicht!

Damit schlechte Erfahrungen erst gar nicht entstehen, müssen wir unsere Pferde auf alles das wir von ihnen verlangen, vorbereiten. Ich kann nicht von einem Pferd erwarten oder verlangen, von Anfang an “cool” im Gelände zu sein oder gelassen zu bleiben beim allerersten Waschen. Hier könnte ich unzählige Beispiele aufzählen, auf das man sein Pferd alles vorbereiten muss, aber das würde hier den Rahmen sprengen. Fakt ist allerdings, dass wir zuerst eine Basis legen müssen, dh. wir müssen eine gemeinsame Sprache sprechen! Wir Reiter haben diese Verantwortung unserem Pferd und uns selbst gegenüber, damit wir Unfälle vermeiden können. Deshalb ist es essentiell, dass wir das “Leittier” in unserer Herde sind, dem das Pferd vollkommen vertrauen kann und sich dadurch an unserem “positiven” Verhalten orientieren kann. 

Angstreiter

Trotzdem können Unfälle passieren und dann muss ich meine Reitschüler unterstützen, wieder aus ihrer Angst herauszufinden.

Step by step korrigiere ich Pferd und Reiter und werde sie nicht unvorbereitet in das kalte Wasser werfen.

Ihnen zur Seite zu stehen, Mut zu zusprechen und einen strukturierten Weg zu zeigen, sollte für jeden guten Reitlehrer eine Selbstverständlichkeit sein.

Das Alter

Als Kinder sind wir über Stock und Stein galoppiert, jedes Hinderniss wurde überwunden und kein Pferd war uns zu wild. Wir waren mutig, furchtlos, unbekümmert und unerschrocken! Wohin ist unsere Tapferkeit verschwunden?

Wir haben über die Jahre vieles über das Verhalten von Pferden gelernt und dieses Wissen mahnt uns zur Vorsicht. Pferde sind und bleiben Fluchttiere, die wir nie zu 100 Prozent unter Kontrolle haben. Diese Erkenntnis lässt uns vorsichtiger werden. Ganz oft kommt auch die Vorsichtigkeit mit dem Elternwerden einher. Wir haben dann nicht mehr nur die Verantwortung für uns selbst, sondern auch unserem/n Kind/ern gegenüber. Seit der Geburt meines Sohnes achte ich noch deutlicher darauf, Unfälle zu vermeiden. Ich versuche jeden Ausbildungsschritt dem Pferd noch einfacher und verständlicher zu erklären. Zeit spielt hierbei eine wichtige Rolle. Man muss sich und dem Pferd mehr Zeit geben. Zeit zum Nachdenken, Zeit zum Verstehen, Zeit zum Loben. Je mehr Zeit ich Pferden gebe, etwas lernen zu dürfen, desto leichter fällt es ihnen und ich vermeide dadurch, zuviel Druck auszuüben, welcher das Fluchttier Pferd zur Panikreaktionen veranlassen könnte. 

Mein Tipp:

Seid ehrlich zu Euch und zu Euren Mitmenschen. Überspielt Eure Ängste nicht, denn es kann zu noch mehr Ängsten führen. Lasst Euch von Eurem/r Reitlehrer/in, von Freunden und Stallkollegen helfen, sie werden Rücksicht nehmen, wenn sie um Eure Ängste wissen.

Ich hoffe, Ihr konntet einiges aus diesem Podcast mitnehmen und ich freue mich schon aufs nächste Mal. 

Bis zur nächsten Folge, Eure Verena! 

About the Author

Hey ich bin Verena Jennewein. Pferde sind schon seit meiner Kindheit meine absolute Leidenschaft. Sie sind kraftvoll, elegant, sensibel, intelligent und stolz. Wenn man von dieser Leidenschaft erfasst wurde, lässt sie einen nicht mehr los. Wir müssen diesen wundervollen Tieren mit Respekt begegnen und eine Partnerschaft mit ihnen anstreben. Das Wohl des Pferdes liegt mir sehr am Herzen und für mich ist ein guter Reitersitz die Voraussetzung für gutes Reiten. Als zertifizierte “Ride With Your Mind” Trainerin, Level 1 Masterclass, ist es mein Ziel, so vielen Reitern wie möglich zu helfen, besser reiten zu lernen. Julia und David von der Calm Horse Academy helfen mir dabei, mein Wissen Online zu verbreiten.

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