Januar 19

Podcast #023 – Zügelführung

Ein Artikel von Verena Jennewein – Autor der Calm Horse Academy und Pferdeexpertin

Hier kannst du die Folge direkt anhören oder herunterladen


Herzlich willkommen zur dreiundzwanzigsten Folge meines Podcasts „Reiten in Vollendung - deinem Pferd zuliebe“. Ich bin Verena Jennewein, zertifizierte „Ride With Your Mind Trainerin“, Level 1, Master Class.

Heute geht es um das Thema: Die Zügelführung - Kommunikation mit deinem Pferd

Gibt es eine richtige Zügellänge?

Leider nein!

Eine Einheitslänge gibt es bei der Zügelführung nicht. Die Zügellänge verändert sich von Gangart zu Gangart, genauso wie in den Gangarten selbst.

Wenn ich den Rahmen von meinem Pferd erweitere oder verkürze, muss ich auch den Zügel verlängern oder verkürzen.

Stellung

Auch unsere Pferde sind anatomisch verschieden gebaut und benötigen deshalb eine individuelle Zügellänge. Wir Reiter sind dadurch gefordert, ein Gefühl für die richtige Zügellänge zu entwickeln!

Was sollte bei der Zügelführung vermieden werden?

Der Schlackernde Zügel

Ein schlackernder Zügel verhindert eine feine Hilfengebung. Wenn Du Dein Pferd auf Trense reitest, zupft ein schlackernder Zügel ständig im sensiblen Pferdemaul. Ein gelassenes Pferd wird dadurch im Maul abstumpfen und ein hektisches, impulsives Pferd fühlt sich unheimlich gestört und gestresst, sodass diese Pferde meist über dem Zügel oder hinter dem Zügel laufen, um  jegliche Anlehnung zu  vermeiden. 

Ziehen am Zügel

Bei solch einer Zügeleinwirkung wird das Pferd immer von “vorne nach hinten” geritten und die Anlehnung wird mechanisch erzwungen. Das Pferd ist damit nicht mehr imstande, seine Schultern frei zu bewegen und fällt dadurch auf die Vorhand. Der Pferderücken wird fest und die Kruppe ist nicht mehr  in der Lage, sich abzusenken, was wiederum bedeutet, dass das Pferd seine Hinterbeine nicht weit genug unter seinen Schwerpunkt bringen kann oder seine Hanken zu beugen, um sich korrekt zu versammeln. Ein Ziehen am Zügel ist für jedes Pferd unangenehm oder sogar schmerzhaft und gehört unbedingt vermieden. 

Zügelführung

Rucken - Zupfen

Die einzige Korrektur, bei der ich einen kurzen Ruck Richtung Pferdeohren auf die Maulwinkel des Pferdes ausübe, ist eine Aufwärtsparade (Demi-ârrets). Diese werden eingesetzt, wenn sich das Pferd zu schwer auf die Trense legt oder sich hinter dem Zügel verkriecht. Die Einwirkung ist kurz und wird bei Bedarf wiederholt. Die Hände müssen aber nach der Korrektur sofort wieder gesenkt werden und dürfen nicht stehen bleiben, ansonsten würde ich das Problem verschlimmern, anstatt es zu verbessern. 

Riegeln

Unter Riegeln versteht man ein wechselseitiges Abspielen vom linken und rechten Zügel. Das Pferd wird dabei, meistens übertrieben, abwechselnd  nach links und rechts gestellt und dadurch animiert, seinen Kopf zu senken. Viele Reiter versuchen auf diese Art und Weise, “die Rübe” von ihrem Pferd herunter zu bekommen. Diese Varianten wird mechanisch erzwungen und ist überhaupt nicht tiergerecht. Durch ein Riegeln wird ein Pferd immer von vorne nach hinten geritten, anstatt von hinten nach vorne!!!

Aufrollen/Rollkur

Die schlimmste aller Zügeleinwirkungen ist die sogenannte “Rollkur”. Hier wird bewusst der Kopf des Pferdes  durch eine grobe und harte Zügeleinwirkung eingerollt. Es entsteht ein falscher Knick, der Rückenstrecker wird überdehnt, was wiederum zu einem festen Rücken führt. Die Pferdebeine sind dann nicht mehr in der Lage, über die Muskulatur zu federn, was unweigerlich zu Verschleißerscheinungen oder Verletzungen führen wird. Ein Pferd welches in Rollkur geritten wird, bekommt schlecht Luft und wird dem Reiter unterworfen. Stress steht an der Tagesordnung. Ein Reiter, der auf diese Art und Weise sein Pferd reitet, ist in meinen Augen ein absoluter Tierquäler und sollte besser das Reiten lassen und sich ein Motorrad oder Fahrrad zulegen. 

Ein Pferd ist ein Lebewesen mit Gefühlen wie du und ich, ein respektvoller Umgang ist für mich ein Muss!

Wie führe ich die Zügel richtig?

Position der Hände

Ich trage meine Hände frei vor mir her. Ihr könnt euch z.B. vorstellen, einen vollen Einkaufswagen oder Schubkarren vor Euch herzuschieben. Genauso funktioniert die Vorstellung, ein vollen Serviertablett oder evt. 2 Sektgläser vor sich herzutragen. Für all diese Vorstellungen benötigt man eine positve Körperspannung in seinem Rumpf, welche wiederum für eine sitzunabhängige Zügelführung wichtig ist.  

wanless methode

Position der Arme

Ich trage meine Hände frei vor mir her, mein Ellbogen ist angewinkelt, sodass sich vom Pferdemaul bis zu meinem Ellbogen eine Linie ergibt. Das ist unsere Grundposition, wobei ich aber immer in der Lage sein muss, diese pferdegerecht zu verändern, wenn eine Korrektur bzw. eine bessere Hilfestellung notwendig wird. Gerade junge Pferde oder Pferde die Korrektur geritten werden müssen, brauchen eine stabile, aber auch zugleich eine flexible Zügelführung. Diese Grundposition ist wichtig und für viele Reiter gar nicht so leicht einzunehmen. Durchgestreckte Arme, hochgezogene Schultern und ein verspannter Schultergürtel  sind z.B. häufige Fehler, die eine sitzunabhängige Zügelführung verhindern. Ihr könnt euch z.B. vorstellen, dass Gewichte an Euren Ellbogen angebracht sind und somit den Oberarm in die Tiefe ziehen. Damit werden die Schultern fallen gelassen und der Ellbogen angewinkelt.

Das Tragen der Zügel

Der Zügel sollte durch eine aufrecht stehende Reiterhand weich, aber beständig getragen werden können. Häufige Fehler bei der Zügelführung sind geöffnete Hände, verkrampfte oder zu fest geschlossene Hände und

verdrehte Zügelfäuste. Die Reiterhand wird aufrecht getragen, der Daumen fixiert die Zügellänge, während die Ring-, Mittel- und Zeigefinger weich geschlossen sind. Dies ermöglicht mir jederzeit eine feine Kommunikation mit meinem Pferd. Ihr könnt Euch vorstellen, einen Babyhamster oder ein Küken in Eurer Hand zu tragen. Gut behütet und beschützt, sodass es nicht herausfallen oder in Eurer Hand zerquetscht werden kann. Ein weiches Abspielen muss jederzeit erfolgen können, so als ob Ihr einen kleinen Schwamm in Eurer Hand ausdrücken wolltet. 

Calm Horse Academy

Die Reiterfaust

Die Reiterfaust wird aufrecht und “leicht” eingedreht getragen, so als ob Ihr Euch einen Schummelzettel auf die Handflächen geschrieben hättet und diesen bei geöffneten Händen gut lesen könntet. Ein Aufdrehen und ein zu deutliches Eindrehen muss genauso wie eine nach unten weisende Reiterfaust vermieden werden. All diese Positionen machen die Reiterhand fest und ein weiches Mitfühlen wird dadurch unmöglich gemacht.

Tipp - “Schiebetür”

Wie bereits am Anfang erwähnt, gibt es keine Einheitslänge bei der Zügelführung. Umso wichtiger ist die Flexibiltät des Reiters, sich auf die jeweilige Situation passend und schnell einzustellen.

Den Zügel verkürzen  kann sehr oft zu lange dauern und bei Korrekturpferden zu Verspannungen führen. Die “Schiebetür” hat sich in der Praxis sehr bewährt. Wenn ein Pferd den Kopf zu hoch nimmt, wird automatisch der Zügel locker und beginnt zu schlackern oder zu zupfen. Hier kann man z.B. die Schiebetür schnell einsetzen. Wie funktioniert die Schiebetür?

Stell Dir vor, Du hast 2 Türgriffe von einer Schiebetür in der Hand. Die Schiebetüren gehen gerade zur Seite auf, somit wird ein Ziehen am Zügel verhindert, genauso lassen sich die Griffe einer Schiebetür nicht drehen, sodass der Reiter seine Reiterhände stehen lassen muss. Wenn du die Zügel in der Grundhaltung trägst, sind die Türen geschlossen.

Nimmt jetzt Dein Pferd seinen Kopf zu hoch, kannst du beide Schiebetüren zur Seite öffnen. Du brauchst sie nur so weit aufmachen, dass Du einen beständig feinen Kontakt zum Pferd halten kannst. Lässt Dein Pferd wie gewünscht seinen Hals wieder fallen, führst auch Du Deine Schiebetüren wieder zurück in die Ausgangsposition. Genauso kannst Du die Schiebetür für das Wenden einsetzen.

Häufig brauchen junge Pferde noch deutliche Hilfen um zu verstehen, was Du von ihnen möchtest. Will ich ein junges Pferd wenden und meine Hilfen reichen noch nicht aus, öffne ich die Schiebetür auf der Seite, wohin mein Pferd treten soll und lasse die andere Schiebetür geschlossen. Bald hat mein Pferd verstanden, was ich von ihm möchte und ich bin imstande, meine Hilfen wieder auf ein Minimum zu reduzieren

Ich hoffe, Ihr hattet Spaß beim Lesen und konntet Euch ein paar Tipps mitnehmen. 

Bis zur nächsten Folge, Eure Verena!


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