Der Vortrag von Volker Waschk

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Video Teil 2 

Online Kongress 2019

RAI-Reiten ist Harmonie von Mensch und Pferd

"Reiten ist Wille ins Weite – ins Unendliche. Dieser alte Reiterspruch drückt treffend die eigentlichen Wünsche jedes Reiters aus. Ein uralter Traum geht in Erfüllung: Der Mensch macht sich die Ausdauer, die Schnelligkeit und die Kraft der edlen Pferde zu Eigen. Was gibt es Schöneres, als auf dem Rücken eines Pferdes die herrliche Natur zu erleben?" Besser hätte es Fred Rai im Vorwort seines Buches "Natürliches Reiten" nicht beschreiben können. Und genau diese Faszination ist es, die manche spätberufen erst packt, so viele aber bereits von Kindesbeinen an. Mein Name ist Volker Waschk, ich bin Leiter der Bundesvereinigung für RAI-Reiten mit Sitz im bayerischen Dasing – und mir persönlich ging es ganz genauso: Meine ersten reiterlichen Versuche machte ich als kleines Kind. Ohne Ahnung vom RAI-Reiten. Dabei sollte gerade dieser Reitstil, vor allem aber die Philosophie dahinter, mein Leben verändern und prägen.

In meiner ersten Reitstunde in einem Englisch-Reitbetrieb bin ich, damals als Zehn- oder Elfjähriger, gleich mal vom Pferd gefallen. Vielleicht habe ich so von Anfang an gelernt, dass zum Reiten auch Rückschläge gehören. Meine Liebe zum Reiten war jedoch erst geweckt, als ich ein paar Jahre später "Django" kennen lernte, ein Pferd, das eigentlich als Arbeitstier für die Almen vorgesehen war, auf Umwegen aber zum Schulpferd geworden ist. Trotzdem war er unglaublich sensibel und fein zu reiten, reagierte auf minimalste Hilfen – und ich war fasziniert von diesem wunderschönen Pferd.

Psyche, Verhaltensweise und Gefühlsleben der Pferde

Dass ich mich überhaupt traute, dieses als schwierig geltende Pferd zu reiten und es auch noch relativ gut funktonierte, brachte mir seinerzeit auch ein paar Pluspunkte ein bei den Mädels. Auf "Django" habe ich reiten gelernt – glaubte ich lange. Durch einen Zufall entdeckte ich vor mittlerweile über zehn Jahren die Süddeutschen Karl May-Festspiele in der Dasinger Western-City und lernte dort Fred Rai kennen. Von ihm erfuhr ich vieles über Psyche, Verhaltensweise und Gefühlsleben der Pferde – jene wesentlichen Merkmale, die das RAI-Reiten ausmachen.

Bei meinen Besuchen bei Fred Rai hatte dieser mich immer wieder aufs Neue beeindruckt bei seinen Auftritten mit seinem Pferd  "Spitzbub" im Saloon der Western-City. Sich so mit einem Pferd in dieser Enge eines proppenvollen Saloons bewegen zu können, das fand ich bemerkenswert. Ebenso wie ruhig und entspannt "Spitzbub" die Auftritte absolvierte, sich von kreuz und quer laufenden Servicekräften ebenso wenig aufregen ließ wie von lautem Applaus oder fröhlich gröhlenden Kindern. Mir war schnell klar: Ein vergleichbarer Auftritt, scheinbar mühelos, und stets ohne Zwang, das würde bei den meisten Reitern gründlich schief gehen. Wer so einen Auftritt zu Pferd so souverän meistern kann, muss wirklich etwas von Pferden verstehen. An dieser Idee, dass der Mensch zum Leittier seines Pferdes werden müsse, dem es vertraut und bei dem es sich geborgen fühlt, und der natürlichen Hilfengebung, die das Pferd in seinen Bewegungsabläufen möglichst wenig stört, musste also wirklich etwas dran sein!

Volker Waschk bei der Calm Horse Academy

Volker Waschk

Leittier Mensch schenkt Sicherheit und Geborgenheit

Heute kann ich mit Überzeugung sagen, dass es für mich keine andere Reitweise als das RAI-Reiten mehr gibt und die Grundlagen des RAI-Reitens die Basis für jeden Umgang mit dem Pferd darstellen. Dabei ist es mir besonders wichtig, auch darauf hinzuweisen, dass RAI-Reiten zwar pferdegerecht ist, dies jedoch nicht bedeuten darf, sich dem Pferd unterzuordnen. Das Gegenteil ist der Fall; doch stelle ich immer wieder fest, dass wir mit dem RAI-Reiten nicht selten jene Pferdefreunde ansprechen, die am liebsten nur streicheln und Leckerlis geben möchten, und dann erwarten, dass ihr "bester Freund", das Pferd, sie doch nun lieben und das tun müsste, was sie beim Reiten von ihm erwarten. Dabei hat Fred Rai ja stets betont, wie entscheidend es ist, dass der Mensch zum Leittier des Pferdes werden muss, und in diesem Zusammenhang den leider oft missverstandenen Begriff der "Dominanz" geprägt.

Dominanz im Sinne des RAI-Reitens bedeutet eben nicht, das Pferd mit Gewaltanwendung und Schmerz gefügig zu halten. Dominanz ist hier eher im Sinne von Souveränität gemeint. Denn nur wer souverän agiert, kann beim Rangniederen die beiden entscheidenden Gefühle – Respekt und Geborgenheit – auslösen. RAI-Reiten steht freilich für einen natürlichen und harmonischen Umgang mit dem Pferd, jedoch müssen wir auch stets darauf hinweisen, dass dieser Konsequenz erfordert, da alles Andere purer Leichtsinn und letztlich Dummheit wäre.

Die wissenschaftliche Bestätigung seiner Ausbildungsmethode für Pferde durch zwei Masterarbeiten hat Fred Rai zu Recht als die "Krönung seines Lebenswerks" angesehen, das es gilt, aufrecht zu erhalten. Ich bin dankbar dafür, dies in der Bundesvereinigung für RAI-Reiten tun zu dürfen – zusammen mit engagierten RAI-Reitern und nicht zuletzt all unseren RAI-Reitlehrern, die mit zur Weitergabe unseres Reitstils beitragen! Es ist wunderbar, regelmäßig miterleben zu dürfen, wie Interessenten, Reitanfänger und selbst erfahrene Englisch- oder Westernreiter immer wieder fassungslos staunen, wie augenscheinlich leicht und nur mit minimalster Hilfengebung wir in allen Gangarten sicher unsere Pferde reiten können. Das Wissen um Psyche, Verhaltensweise und Gefühlsleben der Pferde komplettiert unsere Reitweise und stößt mittlerweile auch bei Reitern anderer Reitstile immer mehr auf Interesse. "Harmonie von Mensch und Pferd" ist beim RAI-Reiten eben mehr als nur ein Schlagwort, sondern erreichbares Ziel und entscheidendes Fundament unseres Reitstils.

About the Author

Calm Horse Academy ist ein Herzensprojekt. Es geht hier nicht um schneller, höher oder weiter. Die Entschleunigung in der Ausbildung und das Verstehen des großen Ganzen liegt uns sehr am Herzen. Der Schwerpunkt unserer Akademie liegt nicht beim Reiten allein. Reitkunst ist viel mehr als das, es geht um Balance, Leichtigkeit, Takt und Gefühl...

  • Birgit sagt:

    Super erklärt und vorgestellt die RAI-Methode. Das macht Lust auf Ausprobieren. Das die natürlichen Bedürfnisse des Pferdes hier im Vordergrund und am Herzen liegen, gefällt mir sehr.

  • Heidi sagt:

    sehr gut vorgetragen, mit netten Anekdoten. Ich hoffe, dass es viele animiert, das Rai Reiten auszuprobieren. ich kann es nur empfehlen.

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