Der Vortrag von Silke Grans

Video Teil 1 

Video Teil 2 

Online Kongress 2019

„Typsache“

 Mit wem habe ich es zu tun, und wer bin ich, und wieso ist das für das Pferdetraining wichtig?

Ein Pferd ist ein Pferd ist ein Pferd! Das stimmt in vielen Punkten, und doch stimmt es nicht ganz. Pferde sind in ihrer Veranlagung, der jeweiligen Persönlichkeit unterschiedlich. Das macht absolut Sinn, denn eine Herde wäre keine solche, gäbe es nur Pferde gleichen Charakters die zusammenleben. Es braucht für eine gut funktionierende Gemeinschaft sowohl souveräne, führungsstarke und -willige Charaktere, die Entscheidungen treffen und entsprechend eine Leitfunktion gut ausfüllen können. Dass andere Pferde genau das Gegenteil sind, ist überhaupt nicht tragisch, denn wo kämen wir hin, würden alle immerzu entscheiden wollen – oder besser: wo käme die Herde hin?

Als Herde vermutlich nicht weit, sondern die Pferde wären eher als Einzeltiere unterwegs. Aber es gibt neben den Führungstypen eben auch diejenigen, die sich inmitten einer Herde wohl fühlen, den Schutz der Gruppe und die Entschlossenheit der anderen schätzen, sich einer Führung anvertrauen, ja manche sogar sehr bedacht darauf sind, in Gemeinschaft mit eben speziell den Führungstypen zu leben, weil diese ihnen Sicherheit vermitteln. Müssten solche Charaktere Führung übernehmen, dann würde das mache regelrecht überfordern. 

Was hat das nun mit unseren Hauspferden zu tun, die in unserer Obhut leben? Einerseits ist es durchaus auch für die vom Menschen zusammengestellten Gruppen von Vorteil, wenn die jeweiligen Charaktere passend kombiniert werden. Andererseits hilft es für den alltäglichen Umgang und besonders das Training mit einem Pferd.

Silke Grans bei der Calm Horse Academy

Silke Grans

Zum Glück habe ich schon als kleines Kind von meinem Opa gelernt die Bedürfnisse der Tiere zu respektieren und so gut es geht zu erfüllen. Egal ob es die sog. Nutztiere waren, oder unsere Haustiere, er hat alle Tiere auf unserem Hof sehr gut beobachtet hat und sie in ihrer Persönlichkeit, ihren besonderen Vorlieben, Verhaltensweisen etc. gut gekannt. Deshalb habe ich immer schon – zunächst unbewusst – die Pferdepersönlichkeiten eingeschätzt, mit denen ich zu tun hatte. Denn ob Draufgänger und selbstsicher, oder „Typ Hase“ und eher unsicher, bedächtig zum Beispiel, das führt  zu ganz unterschiedlichen Herausforderungen. 

Deshalb war im Jahr 2016 „The Nature Code“, ein Seminar von Eike und Marc Lubetzi über die Typen nach dem Schema der TCM, ein großer „Aha-Moment“ für mich. Es hat den Hintergrund für vieles geliefert und mich bewogen, in diesem Bereich noch genauer hinzusehen und das Thema zu vertiefen. 

Der gleiche Umgang, die exakt gleich angewandte Methode können bei unterschiedlichen Pferden unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Wenn man die Informationen über die verschiedenen Charaktere dazu im Sinn hat, ist das nicht verwunderlich. Ebenso wie bei uns Menschen schätzen die einen Struktur und Regelmäßigkeit, mögen klare Vorgaben, was sie tun sollen, und andere können genau das nicht gut leiden, reagieren unzufrieden darauf, werden schlecht gelaunt bis widersetzlich. So zeigt sich einer auf die gleiche Person und deren Auftreten hin sehr aufgeschlossen und kooperativ, und ein anderer Typ reagiert verärgert bis gar widersetzlich. 

Ich glaube jeder kennt es: da erlebt man dieses eine Pferd, mit dem alles „anders“ ist, mit dem man einfach nicht warm wird, keinen gemeinsamen Nenner findet, wo der alltägliche Umgang schon anstrengend wird, weil irgendwas hakt – und das obwohl man doch sehr erfahren und auch kundig ist, mit anderen Pferden zuvor keinerlei Probleme hatte!? Das ist gar nicht so selten und auch verständlich, wenn man bedenkt, dass eben nicht jeder Mensch(entyp) mit jedem Pferd(etyp) auf Anhieb gut harmonieren kann, wenn beide so ganz typ-isch agieren. 

Zum Glück haben wir Menschen aber die Fähigkeit – im gewissen Rahmen, das ist natürlich auch individuell unterschiedlich – unser Verhalten anzupassen.  

Nein, damit ist keinesfalls „schauspielern“ gemeint! Authentisch müssen wir bleiben, alles andere durchschauen die Pferde eh. Aber sich ein wenig auf die jeweilige Pferdepersönlichkeit einstellen, entsprechend handeln, das können wir, und das ist eine ganz wunderbare Möglichkeit. 

Mir macht grade diese Herausforderung, dass ich mich immer wieder auf ein Pferd einstellen und mich auch etwas anpassen muss, ganz besonders Freude. Über die Jahre konnte ich so auch viel über mich und meine Fähigkeiten in der Kommunikation lernen, diese verbessern. Und nicht nur die Pferde haben diese „Aufmerksamkeit“ verdient, ich habe ja auch mit den dazugehörigen Menschen zu tun, und da ist es natürlich ebenso wichtig, dass ich „typgerecht“ kommunizieren und auch lehren kann. 

Ich gehe davon aus, dass dieses Erspüren der Persönlichkeit und die individuelle Art darauf zu reagieren es mir immer schon so leicht gemacht haben, Zugang zu den Pferden zu finden. Eine Kooperation zu erzielen, egal ob ein Pferd sehr verängstigt oder aus Frust inzwischen ganz auf Gegenwehr eingestellt ist, das ist gar nicht so schwierig. Inzwischen bezeichne ich es als die entscheidende Komponente meines Trainings. Leider erleben manche Pferdebesitzer über lange Zeit ständige Abwertung, es fallen Worte wie „Verbrecher“, „Arschloch“, „völlig bekloppt, kriegst du nicht hin“, „hysterisch und durchgeknallt“, die kein Besitzer gerne hört, und die vor allen Dingen den Pferden überhaupt nicht gerecht werden! Wie erleichtert manche Menschen dann sind, wenn jemand die Ursachen für das Verhalten des Pferdes erklärt, das Pferd als eine tolle und kooperative Persönlichkeit bezeichnet, das ist immer wieder bereichernd! Und natürlich profitieren die Pferde von einer gezielten, angepassten Art im Training, denn so können sie sich viel besser auf eine Kommunikation einlassen und besser lernen.  

Und weil sie alle so unterschiedlich sind, freue ich mich auch nach so vielen Jahren noch immer auf mir fremde Pferde, kann mich für sie aus vollem Herzen begeistern und alle auf ihre Art toll finden. Und das merken sowohl die Pferde als auch deren Besitzer. 

In diesem Sinne, fragt euch wieso euer Pferd ist wie es ist, macht was es macht, ehe ihr euch darüber ärgert oder frustriert seid. Es gibt für jedes Verhalten einen Grund!  

Meine Homepage ist mit dem Umzug in den Norden erst ganz neu gestaltet worden und noch nicht vollständig. Nach und nach werden Texte wie dieser zu meiner Trainingsphilosophie, einzelnen Problemschilderungen etc. ergänzt werden. Wenn ihr Fragen habt, meldet euch gerne bei mir. 

Habt eine gute Zeit mit euren Pferden!

Viele Grüße,

Silke Grans

About the Author

Calm Horse Academy ist ein Herzensprojekt. Es geht hier nicht um schneller, höher oder weiter. Die Entschleunigung in der Ausbildung und das Verstehen des großen Ganzen liegt uns sehr am Herzen. Der Schwerpunkt unserer Akademie liegt nicht beim Reiten allein. Reitkunst ist viel mehr als das, es geht um Balance, Leichtigkeit, Takt und Gefühl...

  • Sandra sagt:

    Ein sehr toller, hilfreicher und vor allem aufschlussreicher Beitrag.

    Ein lieber Gruss vom Niederrhein in den Norden

  • Isabella sagt:

    Ein sehr gut aufgemachter und informativer Bericht.

    Liebe Grüße aus dem Westerwald

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