Der Vortrag von Nina Steigerwald

Video Teil 1 

Video Teil 2 

Online Kongress 2019

Medical Training

Unsere Aufgabe als Pferdehalter ist es, unsere Pferde fit zu machen für ihren Alltag. Die Grunderziehung mit aufhalftern, stehen bleiben, am lockeren Strick mitgehen und sich anbinden und putzen lassen ist für viele noch selbstverständlich.

Doch dann folgen oft leider direkt andere Sachen, die mehr auf die Karriere als Reitpferd hinzielen. Für mich ist es inzwischen selbstverständlich, mit einem Jungpferd alles an (medizinisch) notwendigen Eingriffen und Manipulationen zu üben. Wir Pferdebesitzer können und sollten unsere Tiere auf unangenehme Maßnahmen an ihrem Körper so vorbereiten, dass sie sie geduldig und gelassen mitmachen. Auch sind Gesundheit und Sicherheit der „behandelnden Zunft“ ,wie Tierärzte, Hufbearbeiter oder Physiotherapeuten, ein wichtiges Gut, zu dem wir einen großen Teil beitragen können.

Da aber niemand freiwillig Schmerzen erträgt, sieht die Realität leider oft anders aus. Die Erfindung der Nasenbremse und ihr häufiger Einsatz zeigen, wieviel Bedarf an tiergerechten Lösungen herrscht. Zum Glück hält jetzt meine Kollegin, Tierärztin Katja Frey, an der veterinärmedizinischen Universität in Gießen Vorlesungen zum Thema Medical Training. So lernen die Menschen, die in Zukunft unsere Tiere behandeln werden, dass es auch Alternativen zum Festhalten, Durchsetzen und Strafen gibt.

Nina Steigerwald bei der Calm Horse Academy

Nina Steigerwald

Diese andere Art des Umgangs beruht auf den Prinzipien der positiven Verstärkung. Mein Pferd bekommt als Konsequenz für ein erwünschtes Verhalten etwas von mir. Dieses Etwas muss vom Pferd gewünscht und gewollt werden. In sehr vielen Fällen ist dies Futter. Selbst ein Pferd, welches 24 Stunden auf Gras steht, hat ein Bedürfnis nach Hafer. Wenn ich also bekomme was ich möchte -ein Pferd, welches stillsteht, wenn die Injektionsnadel in den Muskel eindringt-, dann gebe ich meinem Pferd in Folge dieses Verhaltens Hafer. So weit, so logisch.
Tiere ähneln in ihren Verhaltensäußerungen aber Kleinkindern und bei einem Schmerzreiz ist deren logische Reaktion das Ausweichen. Dann kann man noch so viel zureden und sagen „Es ist doch zu deinem Besten“, es nützt nichts. Wenn etwas wehtut, wird jeder gesunde Organismus bestrebt sein, dies zu vermeiden. Schafft man es in so einem Moment nicht, durch Zwang das Stillhalten zu erreichen, macht das Pferd eine Erfahrung: Die Konsequenz von ausweichen ist die Verminderung von Schmerz. Super Sache! Es wird also wieder ausweichen, weil sich das Verhalten des Ausweichens gelohnt hat. Tiere tun das, was sich lohnt, das ist von der Evolution so auch schlau eingerichtet.

Wenn ich vor jedem Impf- oder Hufbearbeitungstermin schlaflose Nächte habe, dann hat mein Pferd gelernt, dass es sich lohnt sich zu wehren. Und es hat ganz offensichtlich noch nicht gelernt hat, dass kooperatives Verhalten sich auch lohnt. Um mir, meinem Pferd und meinem Tierarzt das Leben in Zukunft schöner zu gestalten, muss ich kleinschrittig vorangehen. Die Basisübung erscheint schlicht: Bewegungslos über einen gewissen Zeitraum stehen, wenn zwei Menschen danebenstehen. Sollte schon das nicht funktionieren, beginnen wir damit. Ich trainiere solche Verhalten mit dem Clicker, weil mein Pferd eine sehr präzise Rückmeldung bekommt. Punktgenaues Verstärken des richtigen Verhaltens wir so einfacher und die Kommunikation über meine Ziele deutlicher. Wie beim Reiten, der Boden- und Freiarbeit auch sollte ich natürlich ein gutes Timing haben. Schritt für Schritt arbeiten wir uns nach dem Stillstehen an die nächsten Kriterien heran. Berühren, anfassen, drücken, piken und zupfen sind mögliche Maßnahmen, die unser Pferd erst einmal lernt, ruhig auszuhalten, bevor es an die eigentlichen Schmerzreize geht. Wem das Procedere mit dem Clicker zu mühsam ist, empfehle ich einen Versuch mit dem sogenannten Dauerfüttern. Dafür nehmen wir eine Leckschale oder einen Eimer mit einer guten Portion Futter und unser Pferd darf sich solange bedienen wie es stillhält. Fängt es an zu zappeln, geht der Eimer sofort weg. Hält es wieder still, darf es weiterfressen.
Egal welchen Weg wir wählen, es dient einem vertrauensvollen Miteinander mit unseren Pferden. Sie haben es verdient, dass wir ihnen ihre Aufgaben nett erklären.

About the Author

Calm Horse Academy ist ein Herzensprojekt. Es geht hier nicht um schneller, höher oder weiter. Die Entschleunigung in der Ausbildung und das Verstehen des großen Ganzen liegt uns sehr am Herzen. Der Schwerpunkt unserer Akademie liegt nicht beim Reiten allein. Reitkunst ist viel mehr als das, es geht um Balance, Leichtigkeit, Takt und Gefühl...

  • Kathrin sagt:

    Sehr interessanter Beitrag.

    Dazu zwei Fragen:

    Warum „clicker“ und Leckerli und nicht nur das Leckerli?

    Und klappt das im Ernstfall (z. B. Zahnbehandlung) auch ohne Leckerli? Ich könnte mir vorstellen dass das Pferd dann unruhig wird wenn kein Leckerli kommt (so wie es das vom Training kennt)?
    Danke vorab.

  • Christina sagt:

    Danke für diesen wunderbaren Start in die 5 Tage. Da ich nicht für alle Videos Zeit hatte habe ich mich für das von Nina entschieden, nur schon weil ich selber aktiv Horse Agility betreibe 🙂

  • Julia Manka sagt:

    Leider kann ich den zweiten Teil des Videos nicht anschauen.

  • Dankeschön!
    Sehr interessant!

  • Katja sagt:

    Ich kann leider auch den zweiten Teil nicht sehen. Das gleiche Problem habe ich bei dem Video von Sandra Fencl.

    • Julia Reyam sagt:

      Sandra Fencl und Nina Steigerwald waren an Tag 1 (23.10.) dran! Wenn du dir alle Videos inkl Boni sichern willst gibt es dafür das Kongresspaket 🙂

      LG

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