Der Vortrag von Julika Tabertshofer

Video Teil 1 

Video Teil 2 

Online Kongress 2019

„Problempferde gibt es genug“

Ein  ́Problempferd ́ im typischen Sinne ist mir noch nicht begegnet. Jedes Pferd – und auch jeder Mensch – hat gewisse körperliche oder psychische Schwierigkeiten, das ist nur natürlich. Hat ein Pferd wirklich verhaltensmäßige Auffälligkeiten, dann ist das fast immer von Menschen gemacht und sei es auch nur durch ein passives Eingreifen wie eine nicht artgerechte Aufzucht o.ä. 

Die Reitkunst gibt uns die Mittel um solche Schwierigkeiten zu lösen. Wobei man natürlich einräumen muss, dass sie nicht die einzige und absolute Lösung darstellt. Dinge wie Haltung und Fütterung, Methoden des Natural Horsemanship, ostheopatische Behandlungen usw. spielen auch eine Rolle. Aber körperliche Einschränkungen wie Schiefe, Vorderhandlastigkeit, schlechte Bemuskelung, Steifheiten (der Gelenke) etc. können gezielt mit Übungen bearbeitet werden. Selbstverständlich dauert es Monate, eher Jahre, um den Pferdekörper und dessen Muskeln, Sehnen und Bänder umzuformen.

Doch durch solche gymnastizierende Dressurarbeit sind schon einige für unreitbar erklärte Pferde wieder gesund und leistungsfähig geworden. Auch psychische Schwierigkeiten wie Ängste, Gehunlust oder mangelndes Selbstbewusstsein kann verbessert werden. Durch eine liebevolle, geduldige und artgerechte Behandlung und Ausbildung des Pferdes kann sich mitunter dessen ganzes Wesen und Verhalten ändern, was dann bspw. seine Position in der Herdenrangordnung verbessern kann. Schon die Alten Reitmeister zur Zeit von Renaissance und Barock wussten, dass es nötig ist das Vertrauen des Pferdes in den Menschen und in seine eigenen Fähigkeiten auszubauen, um einen zuverlässigen und zufriedenen Partner zu bekommen. Die Methoden der Reitkunst versuchen also, wie schon Pluvinel es ausdrückte, mehr den  ́Geist ́ des Pferdes zu arbeiten, als seinen Körper. Wenn das Pferd stressfrei und in kurzen Arbeitsreprisen, mit vielen Pausen und viel Lob wirklich versteht was wir von ihm möchten, dann wird es das später auch körperlich immer besser und mit immer weniger Hilfe umsetzen können.

Julika Tabertshofer bei der Calm Horse Academy

Julika Tabertshofer

Am Beispiel von vier häufig auftretenden Schwierigkeiten in der Pferdeausbildung möchte ich gerne ein paar Tipps aus den Lehren der Reitkunst weitergeben: 

1. Unmotiviertes/nicht gehfreudiges Pferd 

Innere Haltung/Energie des Reiters → Ich möchte Spaß, Bewunderung,  ́wir machen jetzt etwas Tolles ́ ausstrahlen, ich muss Energie für Zwei aufbringen. 

Sitz des Reiters als Auslöser → Hinter die Senkrechte lehnen, Klemmen mit dem Bein, Zug am Zügel bremsen das Pferd aus und nehmen die Gehlust. 

Steifheit des Pferdes → Nur ein gelöstes, bewegliches und frei mit der Vorhand tretendes Pferd ist gehfreudig. 

Lob → Jedes kleine Bemühen des Pferdes schon belohnen, viele Ruhepausen, Futterlob. 

Reiteinheit → Kurze Reiteinheiten (etwa 30 min), häufige Wechsel von kurzen Arbeitsphasen mit hoher Energie und Pausen in kompletter Entspannung. 

2. Steife/hinten herausschiebende Hinterhand 

Bodenarbeit → Vorbereitung des Pferdes ohne dass das Reitergewicht den Rücken belastet. 

Seitengänge → Verbesserte Lastaufnahme und Beugefähigkeit der einzelnen Hinterbeine. 

Schnelle Hinterbeine → Übergänge, Tempounterschiede, Wechsel zwischen Rahmenerweiterung und -verkürzung. 

Hankenbeugung → Zuerst wird im Stand das Verständnis für die Wirkung der Parade auf die Hinterhandgelenke ausgebildet, dann im Schritt, usw. 

Lastaufnahme beider Hinterbeine → Piaffe, Levade, Terre à terre, versammelte Galoppsprünge. 

3. Schiefe/ausweichendes Hinterbein 

• Entsteht durch ungleiche Bemuskelung oder/und durch ein schwächeres, seitlich oder rückwärts ausweichendes Hinterbein . 

Korrektur → Eher lebenslang, Umformung der die Gelenke stützenden und führenden Muskulatur dauert Monate/Jahre. 

Seitengänge → Die Hinterbeine einzeln zum Schwerpunkt holen durch Schulterherein, Travers, Renvers. Vermehrt auf beiden Seiten das schwächere Hinterbein arbeiten. 

Paraden → Gezielte Paraden auf das schwächere Hinterbein belasten dieses langsam immer mehr. 

Reitersitz → Aktives  ́Gegensitzen ́ des Reiters, um sich nicht vom Pferd immer auf seiner hohlen Seite heruntersetzen zu lassen. 

Bodenarbeit → Auffußen der Hinterbeine im Blick behalten und gezielt steuern. 

4. Nicht gesprungener/nicht versammelter Galopp 

Galopp nicht zu früh arbeiten! Wenn möglich den Schritt und Trab bis zur Versammlung fördern, um das den ausbalancierten, versammelten Galopp dazuzunehmen. 

Keine  ́Kilometer machen ́ → Weniger durchgaloppieren, keine Ausdauer in schlechtem Galopp aufbauen, sondern lieber wenige, versammelte Sprünge machen. 

Reitersitz → Nicht hinter der Bewegung zurückbleiben, nicht klemmen, nicht am Zügel festhalten, das blockiert die Rückenbewegung des Pferdes und den Absprung. 

Zügel → Locker! Jeder Zug nach hinten hemmt den Vorgriff des Hinterbeine. 

Biegung → Häufig wird in zuviel Biegung galoppiert, ein übertriebenes Hereinziehen von Kopf und Hals stört die Balance und Versammlung und bringt das Gewicht auf die äußere Schulter. 

Übergänge → Häufiges Angaloppieren und Durchparieren, am Besten sind Übergänge Schritt-Galopp und Stand-Galopp. 

Außengalopp → Fördert das Ab-und Durchspringen der Hinterhand, bringt das äußere Hinterbein (im Außengalopp auf der inneren Seite) mehr unter den Körper. 

Travers → Starkes Schiefstellen des Pferdes bringt das Gewicht eher auf die Vorhand, leichtes Travers hilft aber bei der Versammlung im Galopp (abwechseln mit Schulterherein). 

About the Author

Calm Horse Academy ist ein Herzensprojekt. Es geht hier nicht um schneller, höher oder weiter. Die Entschleunigung in der Ausbildung und das Verstehen des großen Ganzen liegt uns sehr am Herzen. Der Schwerpunkt unserer Akademie liegt nicht beim Reiten allein. Reitkunst ist viel mehr als das, es geht um Balance, Leichtigkeit, Takt und Gefühl...

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